© Volker Müller

Emotionspsychologie



I Emotionen allgemein


Definition


Kleinginna u. Kleingina (1981)

Psychlogen definieren Emotionen als ein komplexes Muster von Veränderungen, das physiologische Erregung, Gefühle, Kognitive Prozesse und Verhaltensweisen umfaßt. Diese treten als Reaktion auf eine Situation auf, die ein Individuum als persönluich bedeutsam wahrgenommen hat.


Meyer, Reisenzein, Schützwohl (2001)


Universalität


Ekman u. Friesen (1986)

Überlappung in der Ausdruckssprache des Gesichts aller Menschen (universelles emotionales Ausdrucksrepertoire), kulturvergleichende Untersuchung, Emotionen bestimmen, 7 Emotionen konnten weltweit zugeordnet werden: Fröhlichkeit, Überraschung, Wut, Ekel, Furcht, Traurigkeit, Verachtung. Neurokulturelle Sichtweise: Zusammenwirkung von Kultur und Gehirn (als Produkt der Evolution).


Evolutionäre Perspektive


Darwin (1872)

adaptive Funktion, hochspezifische koordinierte Wirkungsweise des menschlichen Gehirns. Emotionen sind spezialisierte erbliche Gemütszustände, die zur Bewältuging einer bestimmten Kategorie wiederkehrender Situationen im Leben dienen.


Camras et al. (1992)

USA/Japan, Babys (5 u. 12 Monate) -> Ähnlichkeit: Bewegungsmuster Gesichtsmuskulatur (Leidensausdruck), lautlichen Äußerungen, physische Anstrengungen. Ähnliches Repertoire an Mimik und Gestik, nicht so ausgeprägt wie Erwachsene, allgemein positiv/negativ.


Serano et. al. (1992)

angeborene Fähigkeit, den Gesichtsausdruck anderer zu deuten; Kinder (4 – 6 Monate), Fotos mit Gesichtern Erwachsener (Überraschung, Furcht, Ärger), abnehmendes Interesse an Darstellung, erneutes Interesse bei neuer Emotion. -> Säuglinge können Überraschung, Angst und Ärger unterscheiden.


Kuklturelle Einschränkung


Lutz et al. (1992)

Eine Kultur stellt soziale Normen dafür auf, wann jemand bestimmte Emotinen zeigen darf und wann bestimmte Ausdrucksarten von Emotionen bei bestimmten Menschen in bestimmten Situationen gesellschaftlich angebracht sind. Manche Formen emotionaler Reaktion, und sogar Gesichtsausdrücke, sind einzigartig für jede Kultur.


Irvine (1990)

Wolof-Gesellschaft im Senegal: Status- und Machtunterschiede zwischen den Menschen klar festgelegt. Hohe Kaste: starke Zurückhaltung im Ausdrruck ihrer Emotionalität – niedere Kasten: mehr Impulsivität. Griot-Kaste: wird gebeten, unwürdige Emotionen der Adeligen darzustellen.


Physiologie der Emotionen


Hier werden Emotionen mit der Mobilisation des Körpers für eine Handlung, um mit Emotionsursache umzugehen, in Verbindung gebracht. Das Vegetative Nervensystem bereitet hierbei den Körper über Sympathikus und Parasympatikus auf die emotionale Reaktion vor; dieses Gleichgewicht hängt von Qualität und Intensität des Reizes ab: bei gering und unangenehm ist der Sympatikus aktiver, bei gering, angenehm der Parasympatikus aktiver; zunehmendes Maß an Beteiligung. Notreaktionssysteme des Körpers (Angst, Ärger): schnelle, unmerkliche Vorbereitung auf drohende Gefahr. Nebennieren (Epinephrin und Norepinephrin), innere Organe (Ausschüttung von Blutzucker), Erhöhung des Blutdrucks, Schweiß- und Speichelbildung, Hemmung durch Parasymphatikus (Hormone). Anhaltende emotionale Erregung -> Hormone im Blut.

Koordination hormonaler und neuronaler Aspekte im Gehirn: Hypothalamus, limbisches System

[Verletzung -> Veränderung emotionaler Reaktionen].

Amygdala (Madelkörper): Tor zur Emotion und Gedächtnisfilter (Informationen Sinnesorgane-> bedeutend/unbedeutend) [bei Verletzung keine emotionalen Reaktionen]. Joseph LeDoux (1989): sensorische Informationen direkt zur Amygdala bevor sie Kortex erreichen.

emotionale Zentren im Kortex

Beteiligung über innere neurale Netze und Verbindung zu anderen Körperteilen an allen komplexen emotionalen Reaktionen. Assoziationen, Erinnerungen, und Bedeutung wirken auf psychologische Erfahrung und biologische Reaktionen.

positive Emotionen: linke Hirnhemisphäre, negative Emotionen: rechte Hemisphäre

Lateralität der Emotionen im menschlichen Gehirn: EEG-Messungen, emotionale Gesichsausdrücke und Hirnschädigungen.


Motivierende Funktion von Emotionen


Tompkins (1981)

Emotionen können Rückmeldung über den eigenen motivationalen Zustand geben. Durch die Verstärkung bzw. Intensivierung bestimmter Lebenserfahrungen signalisieren sie, dass eine Reaktion von besonderer Bedeutung ist oder dass ein Ereignis selbstrelevant ist.


Yerkes u. Dodson (1908)

Beziehung zwischen Erregungsniveau, Schwierigkeitsgrad und Leistung. Schwierige Aufgaben: Erregungsniveau steigt – Leistungsfähigkeit nimmt ab; leichte Aufgaben: Erregungsniveau steigt – Leistungsfähigkeit nimmt zu. Durch Emotonen hervorgerufene Erregung kann erfordelrich sein, um ur optimalenLeistung zu gelangen.


Soziale Funktion von Emotionen


DeRivera (1984)

Die meisten Emotionen gehen aus der intensiven Erfahrung menschlicher Beziehungen hervor und sind deren wesentlicher Bestandteil. Sehr extrem, besser: Emotionen dienen der Regulierung sozialer Interaktonen.


Zimbardo (1968)

Frau mit dissoziativer Amnesie reagierte weiterhin emotional auf bekannte Personen – ohne zu wissen, warum.


Carlsmith u. Gross (1969)

Wenn Menschen dazu veranlasst werden, sich wohlzufühlen, sind sie eher dazu geneigt, sich auf verschiedenste Art hilfsbereit zu verhalten. Ebenso engagieren sich Versuchsteilnehmer, die dazu gebracht wurden, sich schuldig zu fühlen, in einer nachfolgenden Situaion eher als freiwillige Helfer, vermutlich um ihre Schuld zu mildern.


Buck (1984); Mehrabian (1971)

Ein Großteil der menschluichen Kommunikation findet in der lautlosen Sprache emotional expressiver nicht-verbaler Botschaften statt. Sie weichen zurück, wenn jemand vor Wut schnaubt, und nähern sich, wenn jemand mit einem Lächeln, erweiterten Pupillen und einem „Treten-Sie-näher-Blick“ Zugänglichkeit signalisiert. Stark negative Emotiionen können aus Respekt vor dem Status oder der Macht eines anderen Menschen unterdrückt werden.


Einfluss auf die kognitive Verarbeitung


Bardley (1994); Forgas (1991)

Wissenschaftler haben belegt, dass emotionale Zustände das Lernen, das Gedächtnis, die soziale Urteilsfähigkeit und die Kreativität beeinflussen

Bower (1981,1991)

Wenn ein Mensch in einer bestimmten Situation eine bestimmte Emotion erlebt, wird diese als Teil eines Zusammenhangs im Gedächtnis festgehalten.


Gulligan u. Bower (1984)

Dem Stoff, der mit der vorherrschenden Stimmung in Einklang steht, wird eher die Aufmerksamkeit geschenkt, er wird eher aufgenommen und intensiver und mit ausführlicheren Assoziationen verarbeitet.


Salovey u. Hancock (1987)

Studenten gaben mehr Krankheiten und Beschwerden in der Vergangenheit an, wenn sie traurig waren, als wenn sie sich in einer emotional neutralen Verfassung befanden


Salovey u. Birnbaum (1989)

Verglichen mit neutralen Kontrollgruppen schätzen diejenigen, die vorübergehend traurig waren, ihre Erkältungssymptome als deutlich stärker ein als fröhliche Personen.


Isen et al. (1987)

Der Einfluss von Stimmungen auf die Kognition wird auch durch Untersuchungen belegt, in denen fröhliche Menschen mehr kreative Lösungen bei Standardtests zur Kreativität entwickeln als affektiv neutral gestimmte oder in schlechten Stimmungen befindliche Personen.


Blaney (1986)

Mit stimmungsabhängigem Abrufen („retrieval“) ist der Abruf eines vergangenen emotionalen Ereignisses aus dem Langzeitgedächtnis gemeint, der auftritt, wenn die Person wieder in der gleichen Stimmung ist, wie beim früheren Ereigniss. Wenn Menschen traurig sind, erinnern sie sich eher an traurige Ereignisse. Glückliche Menschen rufen eher glückliche Ereignisse aus der Vergangenheit aus ihrem Gedächtnis ab. Ein ähnlicher Verzerrungseffekt entsteht, wenn psychisch depressive Patienten gebeten werden, sich an Ereignisse aus ihrer Vergangenheit zu erinnern

 


II Emotionstheorien


1. kognitiv-physiologische Emotionstheorien


Die Emotionstheorie von Maranon


Schachter (1964)

Zentraler Gegenstand ihrer vorgeschlagenen Emotionstheorie ist wie bei James der Erlebensaspekt von Emotionen. Physiologische Erregung bzw. deren Wahrnehmung alleine sind aber nicht hinreichend für Gefühle. Der Faktor Kogniton ist zusätzlich notwendig. Die Qualität von Gefühlen hängt von der Art der Kognition (Situationseinschätzung) ab – nicht von der physiologischen Erregung. Die Stärke der Erregung ist für die Intensität der Gefühle verantwortlich. Es werden keine genauen Angaben gemacht, welche Einschätzung zu spezifischen Emotionen führt. Die Theorie konnte nicht überzeugend empirisch bestätigt werden, trotzdem hat diese Theoriei in der Psychologie und darüber hinaus große Aufmerksamkeit gefunden, sie hat die Bedeutsamkeit von Kognitonen für Emotionen wieder in das Zentrum des Interesses gerückt. Die kognitiv orientierte Theorie der Entstehung von Panikanfällen (Clark, 1986, 1988; Ehlers & Margraf, 1989) ist ein Beispeil hierfür.


Das Experiment von Schachter und Singer (1962)


Olson (1988); Ross & Olson (1981)

Einfluß von Fehlattribution von physiologischer Erregung auf Emotionen . Diese Frage fand besonderes Interesse, weil die Technik der Fehlattribution potentiell dazu geeignet schien, negative Emotoinen dadurch zu „therapieren“, dass der betroffenen Person eine falsche Erklärung ihrer Erregung nahe gelegt wird.


Valins (1966)

Wirkung falscher physiologischer Rückmeldung: Echte physiologische Erregung bzw. durch sie verursachte Erregungsempfindungen sind zumindest für den Sonderfall der Emotionsentstehung nicht erforderlich. Der Glaube, erregt zu sein oder physiologisch reagiert zu haben, scheint zu genügen.


Marshall und Zimbardo (1979)

Widerspricht Schacheter und Singer: Unerklärte physiologische Erregung (durch Adrenalin) besitzt „emotionale Plastizität“, d.h. ist abhängig von den Kognitionen der betreffenden Person; sie kann in beliebige positive/negative Emotionen „ausgeformt“ werden. Unerklärliche physiologische Erregung scheint vielmehr mit negativen Gefühlen, insbesondere mit Angst und Furcht, verbunden zu sein.


Meyer, Reisenzeoin, Schützwohl (2001)

Weitere Untersuchungen zum emotionalen Erleben Querschnittsgelähmter und zu den Effekten von Beta-Blockern auf die Emotionen Gesunder: Zweifelhaft ob physiologische Erregung, Erregungsempfindungen oder auch nur der Glaube für das Erleben von Gefühlen notwendig sind.



2. andere Emotionstheorien


Theorie James


Gesichts-Feedback-Theorien


Zentralistische Sicht

 

Literatur:

Zimbardo, P. G. (1999). Psychologie (7., neu übersetzte und bearbeitete Auflage). Springer. Berlin Heidelberg. Kapitel 8 (S. 359 – 369).

Meyer, W.-U./Reisenzein, R./Schützwohl A. (2001). Einführung in die Emotionspsychologie Band I: Die Emotionstheorien von Watson, James und Schachter (2., überarbeitete Auflage). Verlag Hans Huber. Bern. Kapitel 3 (S. 161- 166) und Kapitel 4 (S.170 – 216).



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letzte Änderung auf dieser Seite: 12.3.2005